Blog - Hinter den Kulissen

Am Puls der Vorstellung

Es klingelt. Ein freundliche Stimme schallt durch das Haus: »Noch fünf Minuten bis zum Beginn der Vorstellung. Frau Danik, Herr Frank bitte zur Bühne.« Inspizientin Annette Seyer ruft die Sänger*innen zu ihrem Einsatzort – auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Bis zur Generalprobe war es der Regisseur, der das Geschehen auf der Bühne steuerte. Wenn dann alles, was bisher erarbeitet wurde, aufführungsreif und im Regie- und Inspizientenbuch schriftlich fixiert ist, ist es Annette Seyer, die alle Fäden in den Händen hält. Ihre Arbeit ist unverzichtbar für den reibungslosen Ablauf einer Vorstellung. Das Inspizienten-Pult ist das Herzstück jeder Vorstellung. Von hier aus wird alles vom Einrufen der Sänger zum Beginn der Vorstellung bis zum Schlussapplaus koordiniert. Über Licht- und Klingelzeichen, sogenannte Cues, werden dem ganzen Netzwerk von Licht, Ton, Technik, Sänger*innen oder Tänzer*innen, Requisite, Ankleider*innen und Maskenabteilung Zeichen für ihre Aktionen gegeben. Umbauten, Umzüge, Auftritte, Toneinspielungen, Lichtwechsel, Vorhänge müssen auf den Punkt genau sitzen, sonst droht ein heilloses Durcheinander. Während der Vorstellung ist sie die Herrscherin der Produktion. Selbst der Generalmusikdirektor hebt erst den Taktstock, wenn das Lichtzeichen dafür aufleuchtet. So kann sich jeder auf das konzentrieren, was seine momentane Aufgabe ist, ohne auch noch Angst haben zu müssen, nicht rechtzeitig auf der Bühne zu sein oder sich in den Abteilungen um das rechte Timing zu bemühen.

Wie gibst du am Abend die Zeichen?

Ich sage demjenigen, den es betrifft, per Durchsage z.B. »Achtung Cue 2« und dann gebe ich das Lichtzeichen. Erst, wenn ich das Licht ausschalte, startet der Betreffende seine Aktion. Das ist ein absolutes Gesetz: Achtung, Licht an, Lichtzeichen aus, Aktion.

Du hast am Pult derart viele Knöpfe und Zeichen. Hast du denn schon einmal daneben getippt?

Zum Glück selten, ich bin ja keine Maschine. Vor allem, wenn es sehr schnell gehen muss, kann es schon einmal passieren, dass man versehentlich den Knopf daneben trifft. Dann lasse ich das Licht auf jeden Fall an, bis ich an die entsprechende Abteilung die Information – zur Not über Umwegen – gegeben habe, dass sie nichts machen sollen. Dann kann ich das Lichtzeichen zurück nehmen. Beim Einbau von unserem Pult hier im TN LOS! durfte ich Einfluss bei der Belegung der Knöpfe nehmen. So sind alle wichtige Knöpfe in meiner Nähe und gut erreichbar.

Da muss man ja Nerven wie Drahtseile haben und immer total bei der Sache sein, sonst wird es lebensgefährlich. Ist denn schon einmal etwas passiert?

Ja leider, lange vor meiner Zeit. Bis heute weiß man nicht wirklich, wo der Fehler lag. Es gab hohe Türme auf der Bühne, auf der auch Personen saßen – es war übrigens ein sehr eindrucksvolles Bühnenbild. Dann fuhren bei einem Umbau die Zugstangen hoch und haben denjenigen vom Turm gehebelt – zweieinhalb Meter in die Tiefe. Das war ein schlimmer Abbruch. Man hat schon eine extreme Verantwortung. Ich musste auch schon einmal eine Vorstellung abbrechen, weil das Ton-Pult nicht funktionierte – ausgerechnet bei einem Musical. Wenn das Inspizienten-Pult ausfallen würde, ginge gar nichts mehr. Da muss abgebrochen werden, sonst wird es für alle Beteiligten gefährlich.

 

Wie kannst du dich konzentrieren, um dich herum steppt doch der Bär?

Ja, viele Sänger warten zum Beispiel in meiner unmittelbaren Nähe auf ihren Auftritt. Ich mache dann einfach Scheuklappen auf. Aber die Kollegen wissen das, sie nehmen Rücksicht. Wenn eine Vorstellung wie »Kain und Abel« direkt nach der Premiere 14 Tage nicht aufgeführt wurde, ist die zweite Vorstellung besonders anspruchsvoll, zumal diese Produktion bis zur Premiere geprobt wurde und es noch keine Routine in den Abläufen gab. Das bedeutet eine ungeheure Konzentration am Abend für alle.

Bist du denn aufgeregt vor einer Vorstellung?

Klar. Ich bin genauso aufgeregt wie alle anderen. Deshalb bin ich heute auch schon so früh hier. (Am Abend unseres nachmittäglichen Gespräches lief »Kain und Abel«.) Aber ich bin dann auch bei einer gelungen Vorstellung ebenso glücklich wie alle anderen. Ich mag Vorstellungen, bei denen ich viel zu tun habe. Man muss sich einfach immer aufeinander verlassen können und einen guten Draht zu den Kollegen haben. Dann klappt alles. Theater ist wie ein Uhrwerk, wenn ein Zahnrad nicht funktioniert, hakelt es. In so einem Ensemblebetrieb muss einfach die Chemie untereinander stimmen.

Wie hältst du die Vorstellung durch? Ich kenne Inspizient*innen, die eine riesige Büchse Gummibären auf dem Pult stehen haben.

Die habe ich nicht, aber ich muss auch in der Pause dringend irgendetwas essen.

 

Über Monitore kann Annette Seyer das Geschehen auf der Bühne, am Dirigentenpult und auch im Zuschauerraum verfolgen. Sollte etwas Unvorhergesehenes geschehen, hat sie es im Blick und kann reagieren, einmal musste sie sogar spontan einspringen – bei einer Opernvorstellung in Rudolstadt. Die Rezitative der Sänger sollten auf der Bühne vom Klavier aus begleitet werden, aber der Pianist blieb unauffindbar. Schnell den Hut aufgesetzt, das Hemd übergeworfen und schon saß sie am Klavier. Selbst der Dirigent hatte den Personalwechsel nicht wahrgenommen. Das klappte aber auch nur, weil Annette Seyer Korrepetition studiert hatte. Zehn Jahre arbeitete sie in diesem Beruf am Theater, dann kam das Aus ob einer Fingerverletzung. Durch Zufall war eine Stelle als Inspizientin frei. Aber schon vor dem fand sie diesen Job toll, denn auf den gemeinsamen szenischen Proben bekam sie als Korrepetitorin auch mit, was die Aufgabe einer Inspizientin ist.

 

Annette, Inspizient*innen sind unerlässlich für den reibungslosen Ablauf einer Vorstellung. Wie erlernt man diesen Beruf?

Den Ausbildungsberuf »Inspizient« gibt es in Deutschland nicht. In den USA und in England ist das anders geregelt. Dort hat man inzwischen begriffen, wie wichtig dieser Job ist und es zu einem Ausbildungsberuf gemacht und die Berufsbezeichnung trifft unser Tun auch eher: Stagemanager. Deshalb ist es in Deutschland auch so schwierig, diese Position zu besetzen. Man muss Theatererfahrung haben, ohne die geht es nicht, man muss zumindest im Bereich der Oper und des Balletts Noten lesen können, das ist unabdingbar. Starke Nerven sind gefragt, die Fähigkeit, schnell wichtige Entscheidungen treffen zu können. Der Beruf hat sich auch im digitalen Zeitalter mächtig verändert, es ist viel mehr hinzugekommen. Meist sind also Inspizient*innen Quereinsteiger.

Das ist eine Riesenverantwortung für lächerlich wenig Geld bei ungewöhnlichen Arbeitszeiten? Warum machst du das? Du kommst ja auch nicht zum Verbeugen vor den Vorhang.

Kann ich ja nicht, ich bin verantwortlich für die Zeichen am Vorhang und für den Lichtwechsel. Aber über den Applaus freue ich mich auch. Ich liebe das Theater und diesen Beruf.

Ich danke Dir für das Gespräch.

Renate Liedtke

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