Blog - Hinter den Kulissen

VON DRACHEN, KRAKEN UND PAILLETTENBODYS

Gewandmeisterin Kati Herzberg und ihre Stellvertreterin Angela Kretschmer sind das Herz der Schneiderei am Theater Nordhausen. Angela hat fast ihr ganzes Arbeitsleben in dieser Abteilung verbracht. Im Januar will sie in Rente gehen – sehr zum Leidwesen aller in der Abteilung, denn sie ist eigentlich nicht ersetzbar. Sie hat schon viele Kostüm-Wunder vollbracht. Wenn die Zauberwerke der Schneiderei auf die Bühne kommen, sieht man nicht nur strahlende Augen bei den Sängerinnen und Sängern und den Regieteams, auch unser Publikum kommt ins Staunen.

Während unseres Gesprächs waren die beiden Damen gerade beim Zuschneiden für Kostüme unserer anstehenden Musicalproduktion »Ein Käfig voller Narren« (»La Cage aux Folles«). Kostümbildner Pascal Seibicke, der überdies auch für das Bühnenbild verantwortlich zeichnet, hat die Vorlagen entworfen. In der Fachsprache heißen diese Vorlagen Figurinen. Es sind Bilder, manchmal gezeichnet, mal gemalt oder als Collagen – auf jeden Fall kleine Kunstwerke, nach denen die Schneiderinnen nunmehr ihre Kreationen schaffen. Da gibt es keinen Schnittmusterbogen von Burda, hier ist viel Phantasie gefragt und noch mehr Erfahrung ist von Nöten. Mit dem Kostümbildner wird im Vorfeld gemeinsam besprochen, was er sich genau vorstellt und es wird die Auswahl der Stoffe getroffen. Zig Kataloge stehen zur Verfügung, viele Kostümbildner*innen habe zudem eigene Vorschläge und natürlich auch ganz spezielle Wünsche.

Kati, was muss man alles bei der Auswahl der Stoffe beachten?

Kati Herzberg

Das hängt davon ab, wie das Kostüm auf der Bühne sozusagen funktionieren soll. Bei diesem Kostüm, an dem ich gerade arbeite, wollte Pascal Seibicke, dass es schön knautscht – so wurde Taftstoff gewählt. Hier haben wir dann schon das nächste Stück (sie weist auf eine Schneiderpuppe mit einem schwarzen, mit Pailletten übersäten Body), das ist für »Drei« unsere nächste Ballettproduktion. Der Choreograf möchte gern Bodys. Da muss ich natürlich schauen, dass ich ein elastisches Material finde. Pascal Seibicke möchte in »La Cage aux Folles« zwar auch Bodys, wünscht aber einen festen Stoff, da nähen wir dann elastische Zwickel ein, damit der Darsteller sich ungezwungen bewegen kann. Ein Balletttänzer käme damit nicht klar.

Gewandmeister – ist das ein Titel oder eine Berufsbezeichnung?

Kati Herzberg

Das ist ein Beruf. Man kann es richtig lernen. Ich habe es mir durch Berufserfahrung angeeignet. Aber man kann nach der Lehre seinen Schneidermeister oder Gewandmeister machen. Eine Gewandmeisterin oder ein Gewandmeister wird speziell für Film und Theater ausgebildet.

Was macht da in der Tätigkeit den Unterschied?

Kati Herzberg

Gewandmeister durchlaufen eine auf die Bedürfnisse von Theater, Oper und Film zugeschnittene Zusatzausbildung. Hier am Theater muss man sich auch mal Gedanken über den Zuschnitt und die Anfertigung von Fantasiekostümen Gedanken machen oder wissen, wie  z. B. ein majestätisches Barockkostüm fabriziert wird und Ahnung davon haben, in welcher Zeit was und wie getragen wurde. Bei den Barockkostümen ist das Spezielle die Unterkonstruktion. Die muss derart gearbeitet sein, dass das darüber liegende Kleid dann auch wie gewünscht fällt. Auch diese Unterkonstruktion wird von uns per Hand angefertigt. Sie ist das, was keiner sieht, aber viel Arbeit macht.

Die Gräfin in Le Nozze di Figaro trug so ein großartiges Kleid. Wie lange arbeitet ihr an so einem Kunstwerk?

Kati Herzberg

So genau kann ich das gar nicht sagen, weil man ja doch viele Dinge noch nebenher macht. In dem Fall habe ich den Reifrock, eben die Unterkonstruktion, angefertigt. Die muss ja zuerst fertig sein, bevor man den Stoff, der darüber kommt, zuschneidet. Für den Rock benötigt man vielleicht eine Woche am Stück. Historische Kostüme fertige ich besonders gern.

Angela, was war deine liebste Kreation?

Angela Kretschmer

Ein Drache! (sie strahlt) Das war noch zu tiefsten DDR Zeiten. Es wurde für ein Märchen ein Drache benötigt. Wir haben kiloweise Schaumstoffflocken besorgt. Der Schauspieler hat mir leid getan, der sah dann richtig wie ein kugelrunder Drache aus. Mein zweiter Drache war auch schön, der hatte drei Köpfe. Das war dann schon nach der Wende. Da haben auch die Schlosserei und die Tischlerei mitgebastelt. Leider gibt’s den Drachen nicht mehr, er ist dem Regen zum Opfer gefallen. Die letzte große Herausforderung war Audrey Zwo, die fleischfressende Pflanze in »Der kleine Horrorladen«. Die Kollegin hatte eine Woche damit zu tun.

Tiere sind wohl deine Spezialität?

Angela Kretschmer

Ja, die mache ich gern. Für irgendein Programm haben wir einen Krake angefertigt. Natürlich haben wir echte Saugnäpfe an die Tentakeln angebracht. Wir wussten allerdings nicht, dass  bei der Veranstaltung auch mit Wasser und einem Glastisch hantiert wurde. Das Gelächter war groß, als der Tänzer nicht mehr vom Tisch runter kam. Wir haben auch schon Pilze und Fische für eine Ballettproduktion genäht.

Ist es jemals vorgekommen, dass ein Kostüm bis zur Premiere nicht fertig wurde?

Kati Herzberg

Das darf nicht vorkommen. Das gibt es nicht. Nein, nie.

Angela Kretschmer

Einmal kam ein Gast für die Sängerin der Tosca. Es war Weihnachten und ich hatte »Stallwache«. Die Dame hatte eine gänzlich andere Figur als unsere erkrankte Sängerin und brachte eigene Kostüme mit. Hier am Nachmittag angekommen, teilte sie mit, dass das eine Kleid wohl noch nicht ganz fertig sei. Da habe ich dann hier gesessen – die Vorstellung lief bereits – und habe das Kleid fertig genäht. Sie hat dieses schwarze Samtkleid schließlich rechtzeitig auf der Bühne tragen können.

Gibt es öfter derartige Überraschungen?

Kati Herzberg

Nun, wenn hier jemand plötzlich erkrankt und ersatzweise ein Gast anreist, muss schnell mal ein Kostüm geändert werden. Oder bei einer Umbesetzung wegen Erkrankung – zum Beispiel letztes Wochenende beim Ballett –  da kommt dann ein spontaner Wochenenddienst dazu.

Wieviel seid ihr in der Abteilung? Gibt es eine Trennung zwischen Damen und Herrenschneiderei.

Kati Herzberg

Wenn alle da sind, sind wir acht. Es gibt eine weiche Trennung zwischen Damen und Herrenschneiderei.

Angela Kretschmer

Wir haben hier Damen und Herrenschneiderinnen. In der Abteilung, in der mehr zu tun ist, da wird geholfen. Jetzt im Musical »La Cage aux Folles«, in dem die Herren die Kleider tragen, da hilft mir Kati, allein würde ich da alt aussehen.

 

Wie ist es mit Schuhen, werden die gekauft?

Kati Herzberg

Ja, Schuhe werden gekauft. Einen Schuhmacher haben wir nicht am Haus. Wenn wir Schuhe besohlen oder weiten müssen, dann geben wir das hier vor Ort in Auftrag. Meist werden Alltagsschuhe benötigt und die bekommt man überall zu kaufen. In »La Cage« ist die Schuhauswahl allerdings exorbitant, diese Schuhe müssen bestellt werden.

Oft wird gefragt, ob Kostüme ausgeliehen werden können …

Angela Kretschmer

Leider nein. Wir haben seid vielen Jahren keinen Verwalter mehr für den Fundus. Für einen Verleih haben wir die Zeit nicht.

 

Eine Ausbildung als Maßschneider ist die Voraussetzung für euren Beruf. Wo kann man diesen Beruf denn erlernen?

Kati Herzberg

(Es kommt ein etwas bitteres Lachen.) Das ist ja gerade das Problem, wir haben keinen Nachwuchs und Angela geht in Rente. Es geht nur über private Maßschneider, die noch ausbilden, auch manche Theater bilden selber aus. Wir können uns das hier zeitlich nicht leisten. Es wird jede Minute benötigt, sonst werden die Kostüme nicht fertig. In Erfurt am Theater wurde noch ausgebildet, da ist unsere eine Kollegin her. Man müsste also über die Handwerkskammer auf die Suche gehen bzw. an größeren Theatern anfragen, wenn man den Beruf erlernen möchte.

Ein toller, ein kreativer Beruf! Ich danke euch für das Gespräch!

Renate Liedtke

 

 

In Deutschland gibt es nur zwei Ausbildungsstätten, die eine Gewandmeister-Ausbildung anbieten, die Hochschule für Bildende Künste Dresden und die Anna-Siemsen-Schule in Hamburg.

Hier noch vielleicht interessante Adressen:

www.handwerk.de/infos-zur-ausbildung/ausbildungsberufe/berufsprofile/massschneiderin

Innung des Maßschneiderhandwerks Köln-Aachen, Kontakt: fritsche@handwerk.koeln

Innung modeschaffendes Handwerk mittleres Ruhrgebiet, Kontakt: helms@handwerk-dortmund.de

Maßschneider-Innung Düsseldorf, Kontakt: duygu.duran@kh-duesseldorf.de

 

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