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GROSSE BILDER UND VIEL ABWECHSLUNG

BERNHARD BRUCHHARDT HAT FÜR DIE OPER »ROMÉO ET JULIETTE« KOSTÜME UND BÜHNENBILD KREIERT.

Bernhard Bruchhardt, geb. Niechotz, absolvierte 2002 sein Theatre Design Studium (BA Hons) am Paul McCartney’s Institute for Performing Arts in Liverpool (LIPA). Sein erstes Engagement nahm er am Stadttheater Gießen auf, wo er über 10 Jahre lang für Bühnen- und Kostümbilder in allen Sparten verantwortlich zeichnete. Gastengagements führten ihn u.a. an die Oper Frankfurt, das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin, die Staatstheater Augsburg, Cottbus und Mainz, die Theater Coburg, Magdeburg, Regensburg, Bremerhaven, Dessau, Hagen, sowie zum Lehár Festival Bad Ischl. Von 2015 bis 2021 war Bernhard Bruchhardt Ausstattungsleiter am Theater Münster, wo er u.a. das Schauspiel »Die Verschwörung des Fiesco zu Genua« ausstattete, welches das Fachmagazin Die Deutsche Bühne im Jahr 2016 für das beste Bühnenbild nominierte.

Bernhard, du warst an vielen Staats- und Stadttheatern in Deutschland für die Ausstattung verantwortlich und in Nordhausen sogar ab 2007 mit einigen Produktionen als Bühnenbildner zu Gast.

Ja, bei den Schlossfestspielen in Sondershausen war es »Der Barbier von Sevilla«, dann gab es noch eine Operette »Casanova«, dann »Der Graf von Luxemburg«, »Die Csárdásfürstin«, »Der Wildschütz«, »Der Vogelhändler« und »Die verkaufte Braut«. Ich war immer froh, neben meinen Festengagements in Gießen oder Münster hier als Gast parallel gastieren zu dürfen. Am TN LOS! habe ich mit Regisseuren wie Wolfgang Dosch zusammengearbeitet, mit Kerstin Weiß, die hier als Operndirektorin engagiert war, und mit Achim Lenz, mit dem ich heute noch viel mache.

Was schoss dir zuerst durch den Kopf, als du Gounods »Roméo et Juliette«  angetragen bekommen hast?

Wow! Der Plan war von vornherein, dass wir etwas Schönes, Sinnliches machen, was aber gleichzeitig die Leute auch an einen tragischen Abgrund bringt. Wir wollen das Publikum schon auch im besten Sinne mit dieser Tragödie »strapazieren«.

»Roméo et Juliette« – eine Tragödie, die aber auch die Komödie bedient?

Genau, es gibt auch einiges an Komik in dieser Oper, vor allem am Anfang. Das bietet eine große Fallhöhe beim späteren Geschehen im Stück. So nimmt dieses Werk sowohl die Romantiker als auch die Humoristen von uns mit. Es macht ungeheuer Spaß, als Ausstatter diese große Bandbreite an Gefühlen zu unterstützen.

Ihr hattet in der Konzeptionsprobe angedeutet, dass ihr geradezu filmisch an die Realisierung herangehen wollt. Hier läuft am TN LOS! ein Filmzyklus »Romeo und Julia auf der Leinwand« – hast du dir die Filme angesehen?

Ich habe es eigentlich vermieden, auch wenn ich den ein oder anderen Film früher schon einmal gesehen habe. Wir sprachen freilich im Vorfeld über verschiedene Ästhetiken aus ganz vielen Filmen und haben überlegt, was uns davon emotional nachgeht und haben dann neu geschaut, was wir Eigenes machen.

Auch habt ihr an heutiges Setting gedacht…

Man könnte sagen, es ist zeitgemäß, vielleicht geht es zehn Jahre zurück, vielleicht zehn in die Zukunft, wir haben uns da nicht festgelegt. Die Inszenierung soll uns an unsere Gegenwart erinnern und einen politischen Konflikt zwischen zwei Gesellschaftsgruppen hervorholen, etwas, was wir alle kennen.

Aber ihr werdet jetzt nicht Kriegsgeschehen auf die Bühne holen, auch, wenn es sozusagen ein ziviler Krieg zwischen den Capulets und Montagus ist, der im Stück abläuft…

Überhaupt nicht, es wird alles über Assoziationen laufen, man sieht es ein bisschen an den Kostümen, ein wenig an der Umgebung, die nun nicht gerade Hochglanz verrät. Einige Bilder sind dabei dennoch sehr realistisch ausgestaltet. Es ist auch spannend, zu schauen, welche Möglichkeiten das »Provisorium« einer Interimsbühne bietet. Besonders schwierig ist es, Verwandlungen herzustellen. Es sind eben nicht dieselben Gegebenheiten, wie man sie im Großen Haus hat. Die Herausforderung war, verblüffend schnell die Wechsel der einzelnen Spielorte zu realisieren. Wir arbeiten mit der Drehbühne und schaffen es, den Zuschauern komplette Bilder zu übergeben, ohne, dass wir die Umbauten sichtbar machen. Es ist in der Tat wie eine filmische gedachte Szenenfolge. Außerdem zaubern wir sehr viel mit dem Licht.

Du zeichnest auch für die Kostüme verantwortlich, hat es dich gereizt, vielleicht doch die üppige Zeit Shakespeares aufzugreifen?

Absolut! Wir haben im 1. Akt einen großen Maskenball und es ist für mich als Kostümbildner ein Fest, diesen zu bedienen. Es ist der Teenagergeburtstag von Julia und als solcher muss er zunächst einmal funktionieren. Um die Zuschauer zurück in die Zeit Shakespeares zu locken, haben wir als Thema für den Ball Shakespeare und seine Stücke genommen, so dass die Darsteller*innen in die verschiedensten Figuren aus den Werken schlüpfen können. Die Bandbreite an Kostümen ist so schier unerschöpflich, das geht stilistisch von der Antik bis in die Renaissance, von Königen bis zu Bediensteten. Der Abend bietet viele große Bilder, viel Abwechslung.

Und die berühmte Balkonszene, wie habt ihr die bühnenbildtechnisch gelöst?

Wir haben keinen Balkon, bei uns ist das ein normales Haus und Julia wird über ein Fenster zu sehen sein, aus dem sie auch mal runterklettert. In dieser nächtlichen Stimmung kann man auch mit dem Licht sehr schön atmosphärisch das Innen und Außen erzählen.

Denkst du die Musik immer mit, wenn du am Bühnenbild oder an den Figurinen arbeitest?

Ja, das ist schon wichtig. Beim Modellbauen höre ich ganz oft die Oper rauf und runter. Das ist dann auch ein Motor, über den man seine Inspirationen bekommt.

Es gibt Kampfszenen in der Oper, wird da gefochten? Wird geschossen?

Gefochten wird nicht, nur einmal geschossen, ansonsten gibt es richtige Stuntszenen, die ein Gast, Cedric Brahmi – auch »Mister Puma« – genannt, choreografiert hat. Da habe ich schon einige Proben gesehen und es ist wirklich beeindruckend, wie er in kürzester Zeit Schlägerszenen von ungeheurer Kraft auf die Bühne gebracht hat. Diese Kämpfe haben krassen Realismus. Als Kostümbildner muss ich natürlich die ganzen Blutgeschichten mit bedenken, es gibt Double-Kostüme, die dann mit »getrocknetem Blut« genauso aussehen sollen und natürlich muss die Beweglichkeit der Kämpfenden gegeben sein.

Was zu sagen bleibt: es ist schön und spannend, nach so langer Zeit hier wieder in Nordhausen zu arbeiten und das Haus mit seinen Mitarbeitern unter einer neuen künstlerischen Leitung zu erleben. Gut, wie sich das alles entwickelt. Was für ein wunderbarer Luxus, der tolle Neubau samt Interimstheater. Das ist wirklich ein großartiges Ding und gerade heute nicht selbstverständlich!

Renate Liedtke

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